Stories that the festival (also) writes

The team behind the Migros Culture Percentage Dance Festival Steps goes to (almost) any lengths to enable the curtain to rise punctually at all the festival's performances. Making sure the guest performances are a success for all participants (for the audience and the host theatres, as well as for the artists from all around the world) calls for considerable effort over a sustained period of time. In the process, fortunately unbeknown to the public in most cases, there are often minor or major mishaps, surprising turns of events and incidents that prevent the festival from ever getting boring for the Steps team. Below, you will find a short selection of anecdotes and insights from the festival's 30-year history, contributed by various members of the team. Out of consideration for those involved, almost no names are mentioned here, but all this really did happen exactly as described!
(The anecdotes are available in German and French.)

Photo Header: Christoph Feurer

 

 

In Basel machte sich ein sehr zuvorkommender Tourbegleiter einmal die Mühe, die Speisekarte des Restaurants, in dem nach der Vorstellung gegessen wurde, für die Compagnie auf Englisch zu übersetzen. Locker und zuversichtlich sassen die Tänzerinnen und Tänzer mit ihren Fotokopien am Tisch und staunten nicht schlecht, als sie erfahren mussten, dass sich das Menü inzwischen geändert hatte.

 

1992 war Nucleodanza bei Steps auf Tournee, wunderbare Damen aus Argentinien. «Einmal sassen wir in einem sündhaft teuren Restaurant am Zuger See», berichtet die Tourneebegleiterin. «Ich war damals noch eine arme Studentin und schluckte leer bei den Preisen. Die Ladys bestellten fidel ihr Essen und meinten, es sei viel billiger als in Buenos Aires. Das erstaunte mich doch sehr. Ein paar Jahre später kollabierte das Land wirtschaftlich. Erst da hab ich es verstanden.»

 

Auf die jungen Tänzerinnen und Tänzer des Nederlands Dans Theater 2, das im Jahr 2004 auf Einladung von Steps landesweit tourte, wirkte die Schweiz sichtlich beeindruckend, so der damalige Tourbegleiter. Denn in Zug hörte man von ihnen nur noch «Aah» und «Ooh», so begeistert waren sie vom Blick auf die Alpen. Nach zwei Tagen wollte das Ensemble am liebsten ganz dort bleiben. Ein Ausflug auf den Pilatus ermöglichte gemeinsames Frieren und Staunen.

 

Das Tessin zeigte sich bei derselben Tournee von einer ganz entzückenden Seite: Es regnete drei Tage in Strömen. Darauf, dass dieser Regen für den LKW der Compagnie gewisse Probleme mit sich bringen könnte, hatte der aufmerksame Tourbegleiter den Fahrer am Vorabend der Abreise leider vergeblich hingewiesen. Denn tatsächlich geriet der grosse Trailer des niederländischen Fahrzeugs am frühen Morgen im Schlamm hinter dem Cinema Teatro in Chiasso mächtig ins Rutschen und gab eine Tanzzulage der unerwünschten Art. Immer mehr grub sich das schwer beladene Fahrzeug in den Boden. Erst mit vereinter Kraft von vielen helfenden Händen gelang es, den Truck auf trockeneren Untergrund zu bugsieren – glücklicherweise ohne Schleppdienst!

 

Das Gefährt sollte nochmals für Furore sorgen: Auf dem Gelände des damaligen Stadthof 11 ging es gleich ganz verloren. Der Fahrer vermeldete dem Tourbegleiter aufgeregt per Telefon, dass auf dem Messegelände, wo es abgestellt worden war, nur noch Spuren zu sehen seien, das Fahrzeug selber sei weg! Die Suche brachte nichts, und die Verzweiflung beim Fuhrunternehmen wurde immer grösser, denn mangels Lagermöglichkeit befand sich sämtliches Eigentum im LKW. Die Polizei konnte nicht weiterhelfen, lediglich die Aufnahme einer Diebstahlanzeige bot sie an. Das Phänomen «wie lässt man 20 Tonnen unbemerkt verschwinden» liess an David Copperfield denken. Erhebliche Sorgen bereitete der Gedanke, wie man eine Vorstellung ohne Scheinwerfer, Tanzboden usw. würde gestalten können. Der Hauswart des Stadthofs gab schliesslich den rettenden Hinweis: Man solle sich doch einmal direkt an die Messeleute wenden. Dort stellte sich heraus, dass der Mitarbeiter, der die Parkerlaubnis für den LKW erteilt hatte, in die Ferien gegangen war. Da niemand sonst etwas von der Erlaubnis wusste, hatte man das Gefährt kurzerhand abschleppen lassen. Für das Budget bedeutete dieser Vorfall am Ende eine zusätzliche Belastung von 600 Franken, die Show aber war gerettet!

 

Das Steps-Team hat vor ca. zwölf Jahren insgesamt 5,5 kg zugenommen, als ein damaliger Sponsor tonnenweise Schokoladenkekse (mit Logo, versteht sich) für jede Steps-Vorstellung spendierte. Das Steps-Büro mutierte zur Kekszentrale!

 

Manchmal geht es aber auch ganz ohne Probleme: Eine Tourbegleiterin berichtet von einem wunderbar unkomplizierten Einsatz auf der Tournee mit dem Nederlands Dans Theater 3 im Jahr 2002: «Es war eine entspannte und fröhliche Tournee durch die Schweiz, weil es sich bei diesen erfahrenen Tänzerinnen und Tänzern des NDT 3 um absolute Tourneeprofis handelte. Den freien Tag verbrachten wir vergnüglich und ganz entspannt mit einem Spaziergang am Rheinfall, inklusive anschliessenden Essens im Schloss Laufen. Bei der Gelegenheit wurde auch der Geburtstag von Sabine Kupferberg gebührend gefeiert.»

 

Genau die gleiche positive Erfahrung machte auch eine andere Tourbegleiterin mit dem NDT3: «Es war eine ausserordentlich gute Zeit! Diese grossartigen, hochprofessionellen Künstlerinnen und Künstler, die von grosser Menschlichkeit und Bescheidenheit geprägt waren, auf der Tournee begleiten zu können, war grossartig für mich! Es gab keine einzige negative Bemerkung während der ganzen Tour, eine sehr angenehme Stimmung begleitete uns.»

 

Nach einer Party in Zürich verpasste der Ballettmeister eines Ensembles, das hier nicht genannt werden soll, (absichtlich) den Bus zurück nach Morges, weil er noch weiterfeiern wollte. Irgendwann in der Nacht ist er dann irgendwo in Zürich verloren gegangen und war nicht mehr erreichbar (Akku des Handys leer). Niemand wusste, wo er war – bis eine Tourneebegleiterin ihn am frühen Morgen zufälligerweise am HB in Zürich traf und ihn in den richtigen Zug setze. Kurz vor 10 Uhr tauchte er pünktlich und topfit in Morges im Theater auf, um das Vormittagstraining zu leiten.

 

Ein Haufen sehr junger Breakdancer musste der Leitung im Festivalbüro von Steps telefonisch versprechen, Partys in den Fluren des Hotels zu unterlassen und ab sofort zu verhindern, dass sich Damenbesuch via Fassade in die Zimmer der Compagnie schmuggelte. Die Chefin im Backoffice kam sich dabei vor wie die Leiterin einer Ferienkolonie für Schwererziehbare.

 

So präzis und diszipliniert Majumana, eine israelische Tanz- und Perkussionstruppe auf der Bühne auch war (einige ihrer Mitglieder hatten in der israelischen Armee gedient) – neben der Bühne verhielten sich die Ensemblemitglieder wie ein Sack voller Flöhe. In Basel kamen auf dem Weg von der Kaserne zum Restaurant (900 Meter Luftlinie) nach der Vorstellung drei Tänzer abhanden, die so lange gesucht werden mussten, bis im Restaurant die Küche geschlossen war.

 

In Bern waren sie äusserst fasziniert von der Aare und liessen sich einfach nicht von einem Sprung ins kalte Nass abhalten – Mitte April! Eine Tänzerin musste am Ende von den anderen herausgefischt werden, damit sie nicht völlig entkräftet und unterkühlt zum nächsten Stauwehr getrieben wurde.

Die Tourbegleitung bat aus Verzweiflung den Projektleiter um ein Machtwort, das immerhin ein paar Tage wirkte.

 

Am 20. März 2010 brach in Island der Vulkan Eyjafjallajökull aus. Für den 22. April desselben Jahres war die grosse Eröffnungsveranstaltung des Steps-Festivals geplant. Der Flugverkehr wurde Mitte April eingestellt. Der Steps-Projektleiter steckte in Dhaka fest. Das Steps-Team setzte angesichts des drohenden Fiaskos sämtliche Hebel in Bewegung, es wurden neue Flüge auf Umwegen gebucht, Ersatzcompagnien angefragt und vieles mehr. Mit Erfolg: Ein Ersatzprogramm hätte bereit gestanden. Zum Glück hatten Eyjafjallajökull und die seine Asche verbreitenden Winde jedoch gerade noch rechtzeitig ein Einsehen. Alle schafften es im letzten Moment noch rechtzeitig zur Premiere nach Winterthur. In der Eröffnungsrede wurden dann der «Kleine Prinz und seine Vulkane» thematisiert …

 

2012 sorgte eine Compagnie für einen Moment, der besonders eindrucksvoll war: Während einer längeren Fahrt mit dem Bus von einem Auftrittsort zu nächsten wurde an einer Tankstelle ein kurzer Stopp eingelegt. Die Tanz-Crew wollte für einen Wettbewerb noch eine kleine Tanzeinlage an einem speziellen Ort aufführen und filmen. Das kam den Tänzerinnen und Tänzern bei dieser Gelegenheit wieder in den Sinn. Darauf formierten sie sich schnell vor dem Car und tanzten los. Die Leute an der Tankstelle kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus.

 

Ein unverzichtbares Utensil bei Tourneen mit Tanzensembles sind die Hot-Cold-Packs. Nach einem Gastspiel in Biel blieben die Packs einer Tänzerin, die sie jeden Abend verwendete, aus Versehen im dortigen Hotelzimmer liegen, als ihr Ensemble weiterzog. Als die nächste Compagnie dann ebenfalls in Biel Station machte, übernahm deren Tourneebegleitung die blauen Beutel und nahm sie nach Basel mit. Bei Ankunft wechselten sie nochmals die Hände, weil sie von einer weiteren Person nach Zürich mitgenommen werden konnten. Dort konnte der künstlerische Co-Leiter von Steps sie höchstpersönlich entgegennehmen, und er liess es sich nicht nehmen, dafür zu sorgen, dass sie endlich wieder zur Eigentümerin gelangten. Nicht nur das olympische Feuer vollzieht weite Reisen, sondern auch die coolen Cold-Packs von Steps!

 

Etwas heikel gestaltete sich 1994 eine Tournee mit einem US-amerikanischen Ensemble. Die Gruppe bestand aus nicht ganz uneitlen Steptänzern aus New York City. Am ersten Tag wurden sie von der Tourbegleiterin ins Restaurant Zähringer geführt, da sie im Niederdorf wohnten. Einer vom Ensemble wollte Salat mit Tomaten. Auf die Bemerkung, dass man in diesem Restaurant saisonal kochen würde, gab es einen schockierten Blick und den Kommentar: «In the States, we can eat tomatoes all over the year.» (In den Vereinigten Staaten können wir das ganze Jahr über Tomaten essen.)

 

Zur Bühnenausstattung eines Ensembles aus Südamerika gehörten grosse Mengen Zimt, die die Tänzerinnen und Tänzer während ihrer Vorstellung auf der Bühne in eine rote Wolke hüllten – und die ganzen Zuschauerräume auch. Bis weit in den Sommer hinein duftete so manches Schweizer Theater noch nach Weihnachtskeksen, denn der feine Staub steckte in sämtlichen Ritzen und Sitzpolstern.

 

Eine Solotänzerin bestellte von Steps für die Garderobe in jedem ihrer Spielorte eine Badewanne voller Eiswürfel (mindestens 24 kg) für ein Bad in exakt 15 Grad kaltem Wasser über 30 Minuten. Sie benutzte sie nie.

Anderer Aggregatzustand: Eine japanische Truppe hatte auf der Bühne eine 3×4 Meter grosse, allerdings flache Wanne voller Wasser. Die Wassertemperatur musste zwischen 24 und 26 Grad Celsius sein: Eine Herausforderung der eher unüblichen Art für den technischen Direktor von Steps.

 

Ohne ihr gewohntes Essen verging Jin Xing und ihren Beautys aus dem Land des Lächelns ganz schnell ebendieses. Daher wurden in Schanghai kurzerhand 120 Kilo Übergepäck eingecheckt. Inhalt: Trockennudeln, Trockenreis, Fleisch, Hühnerteile, schärfste Saucen usw. Kaum traf die Künstlercrew nach vollbrachter Vorstellung jeweils wieder im Hotel ein, kochte man schnell Wasser, und 20 Minuten später waren herrlich lecker duftende Gerichte in jedem Zimmer! Bis in die Puppen dauerten die Essgelage, das Spielen mit Videogames, die Rauch- und Chivas-Regal-Partys bei Viva und MTV. Leider kann der Tourbegleiter nichts von den Gesprächen berichten, es blieb im wahrsten Sinne des Wortes alles Chinesisch für ihn.

 

Auf derselben Tournee kam in Zug ein Tänzer stolz zum Tourbegleiter, um ihm seine neue Schweizer Uhr zeigen. Die passte sich zwar automatisch der Winter- und Sommerzeit an – allerdings leider nur in Europa und Amerika. Er bat ihn, ihm die weiteren Funktionen und die Gebrauchsanweisung zu erläutern. Schliesslich kam die Frage der Fragen: ob es wohl eine «famous watch» sei? «A good brand?» Der Tourbegleiter lächelte, schwieg diplomatisch und nickte höflich. Heikel, denn es war eine Junghans-Uhr, made in Germany. Aber heutzutage ist der Geburtsort eines Produkts doch fast egal, alle Teile sind sowieso meist made in China oder sonst wo in Asien, oder?